Atmende Stille - Zaubergärten der Malerei


“Atmende Stille”, diese an sich widersinnige Begriffsverbindung beschreibt ein Empfinden, das sich beim Betrachten der Arbeiten von Brigitte Sommer einstellt. Ihre Bilder suggerieren Weite und wirken in der Hektik des Alltags angenehm beruhigend auf die Seele. Sie verbreiten eine Atmosphäre, die uns einen Augenblick innehalten und durchatmen lässt.

Seit über zwanzig Jahren stellt Brigitte Sommer öffentlich aus. Sie hat in Zürich studiert und als Kunstpädagogin unterrichtet. Vor allem aber hat sie in den 20 Jahren der freien künstlerischen Tätigkeit ihre Technik kontinuierlich weiterentwickelt und dadurch eine Ausdruckskraft hervorgebracht, die weit in den Realraum hinein ausstrahlt. Gerade dieses Können und die sorgfältige Auswahl des Materials, das sie zum Einsatz bringt, verleiht ihren Werken ein besonderes Gepräge.
Brigitte Sommer lässt sich nicht auf irgendeine künstlerische Richtung festlegen, sondern schöpft ganz individuell aus der Kraft der Imagination. Ihr Stil ist abstrakt und figurativ zugleich. Im Vordergrund steht immer ein bestimmter Grundton, der dem Bild eine besondere Gefühlsstimmung verleiht. Die mit wertvollen Pigmenten von ihr selbst hergestellten Farben tragen zu der Wirkung bei, die eingangs als “Atmen” beschrieben wurde. Die unterschiedlichen Farbschichten mit vielen differenzierten Akzenten und bei den jüngsten Arbeiten sogar noch mit Blattgold verstärkt, geben den Flächen eine besondere Lebendigkeit. Aus jenen vielschichtig angelegten Farbfeldern entwickeln sich geheimnisvolle Formen, die einem auf eine geheimnisvolle Art und Weise vertraut vorkommen, obwohl sie mit dem oberflächlich Vertrauten keinerlei Ähnlichkeit haben. Brigitte Sommer greift auf die im Unbewussten verankerten Formen zurück, ohne dabei verbrauchte Mythologien zu strapazieren. Bei aller Imaginationskraft besticht die Bodenhaftung, die dem Werk der Künstlerin eine sympathische Authentizität verleiht. Auf diese Weise stellt sie in ihren Bildern eine Atmosphäre her, die das Gemüt des Betrachters positiv beeinflusst und energiegeladene Impulse ausstrahlt. Dabei verwendet die Künstlerin ein Bildvokabular, das überzeitlich erscheint. Wie Götter und Symbole aus unbekannten Kulturen wirken beispielsweise die Wächterfiguren, welche die Pforten zu unzugänglichen Paradiesen bewachen, oder die Nachen, anachronistische Wasserfahrzeuge, die lautlos über endlose Flüsse gleiten. Es gibt für diese Figuren keinerlei Vorbilder, sie entstehen vollkommen frei, aus der Phantasie heraus. In einem über viele Stadien hinweg verlaufenden Malprozess gewinnen diese Figuren an Eigenleben. Je nach dem werden ihre Konturen hervorgehoben oder verschmelzen mit dem Untergrund. Die Künstlerin lässt sich dabei ganz auf dieses Eigenleben ein. Sie lenkt eine Entwicklung, die sie nur bedingt beeinflussen kann. Zufall und bewusste Steuerung ergänzen sich. Wie dabei das Bild am Ende aussehen wird, steht zu Beginn jenes Prozessen nur in Umrisslinien fest.

Unaufdringliche Thematik -
Ganz vorsichtig tastet sie sich zunächst an ihr Thema heran. Es gibt Skizzen. Zeichnungen, Entwürfe und Ideensammlungen, die ihr dabei behilflich sind. Erst im Laufe jenes Prozesses verdichten sich diese unterschiedlichen Elemente zu einem komplexen Zusammenhang. Es entstehen unterschiedliche Bildebenen, die irgendwie zusammengehören. Dies trifft bei einem einzelnen Bildwerk zu, bei dem man oft verschiedene Perspektiven erkennt, die ineinander verschachtelt sind. Ein einheitlicher Bildraum ist bei Brigitte Sommer die Ausnahme. Durch die Verschachtelung der unterschiedlichen Perspektiven entsteht eine zusätzliche Spannung. Was für das einzelne Bildwerk zutrifft, gilt erst recht für die Diptychen und Triptychen, also die aus mehreren Teilen zusammengesetzten Bildwerke.
Wenn man die Künstlerin in ihrem Atelier in Kandel, einem Ort an der südlichen Weinstraße, besucht, so hat man das Gefühl, dass es zwischen all ihren Werken einen engen Zusammenhang gibt. Dass die Farben des einen Bildes sich in denen des anderen spiegeln, dass sich Themen, wie an einem unsichtbaren Faden aufgereiht, im Prozess ihrer Malerei wie von selbst weiterentwickeln und irgendwann einmal, wieder unwillkürlich, in andere Themenkomplexe übergehen.
Brigitte Sommer arbeiten in Zyklen. Die Titel dieser Zyklen sind assoziativ zu verstehen, d.h. sie wollen den Inhalt jener Bilder nicht erklären, sondern einen begrifflichen Rahmen schaffen, in den Deutungsmöglichkeiten eingebunden sind. Zwei wichtige Zyklen, die in jüngster Zeit entstanden sind, ist der Zyklus “Hortus” und der Zyklus “Reiseschale”. Beide Zyklen arbeiten mit dem Gedanken der Aufbewahrung, die im unbegrenzten Raum - hier der Zaun oder die Mauer des Gartens, dort die Porzellanwand der Schale, die eine Sphäre des Bildes gegen die Unendlichkeit des unbestimmten Bildraums abgrenzen. Dieser unendliche Raum, worin unsere kleine Welt, die im wesentlichen aus den Erinnerungen besteht, eingebettet ist, ist das große Thema, das über die Schönheit der Farben hinaus den Betrachter zum Nachdenken anregt. Es hat in ganz unterschiedlichen Formen in den Werken von Brigitte Sommer seinen Platz.

Dr. Helmut Orpel

 

 

Hortus – der etwas andere Garten

Mit Brigitte Sommer entdeckt man einen Garten, der kaum noch etwas mit den herkömmlichen Grünanlagen oder Blumenbeeten zu tun hat, auch wenn im Lateinischen „Hortus“ die Bedeutung von Garten, Park, ja Gemüse enthalten ist. Die letzte Übersetzung kann man hier getrost übergehen, greifen diese möglichen Erklärungshilfen viel zu kurz. –

Gewiss, diese Künstlerin respektiert indirekt den Garten auch als Ort des Sich-Sehnens nach Geborgenheit, als Raum, sich mit der Natur in einem gewissen Einklang zu finden. Oder ganz banal: als Areal zum Feiern, Sich vergnügen, zum Sonnenbräunen oder Gartenzwerge aufstellen. – Das alles sind gewissermaßen Vorstufen zum „Hortus“. –

Allerdings geht diese Künstlerin in ihren Mischtechniken weit über diese Assoziationen hinaus. Ihr bedeuten die Gärten, die sie sorgsam in „Archiven“ bewahrt, etwas ganz anderes. Es sind Orte der Erinnerung, des Geschützt-Seins, der inneren Einkehr, was nichts, aber auch gar nichts mit dem Lifestyle-Getue vermeintlicher Selbstfindung zu tun hat…

Was sie in ihren Mischtechniken vorstellt, bedeutet einmal ein Zurückschauen auf die Jahrhunderte der Garten-Philosophie, die weit über die schlichte Idylle hinaus den Garten als besonderen Ort versteht – möglicherweise sogar als eine Annäherung an den Garten Eden…

Hier mögen sich Erinnerungen an Verlorenes, Verklärung von Vergangenem, Wünsche wie Visionen zu einer existentiellen Architektur durchdringen, die für jeden erst einmal entschlüsselt werden muss. –

 

„Wer mich ganz kennen lernen will, muss meinen Garten kennen, denn mein Garten ist mein Herz“, bemerkte einst der Graf von Pückler, den man sonst ungerechtfertigterweise nur mit der bekannten Eiskomposition in Verbindung bringt. Und er trifft mit seiner Sentenz einen wichtigen Aspekt dieser Garten-Philosophie…

Doch der Inhalt dieses Garten-Reservoirs öffnet sich nicht

ohne Probleme – wenn überhaupt. Denn überall erscheinen fast nur Symbole bekannter oder gänzlich unbekannter Herkunft.

Gefasst in eine warme, lebendig-dichte Farblichkeit beziehungsweise in eine faszinierende Vielfalt von Blau- und Grüntönen, werden diese Archive zu Garanten der Erinnerung, die niemand einem mehr zu nehmen vermag. –

Die geistigen Ahnen ihrer Garten-Philosophie hat Brigitte Sommer in Hildegard von Bingen, in Fra Angelico und in den Worten von Khalil Gibran gefunden wie in der Vision des Vaters aller Gärten, dem Paradies…Und doch werden diese Arten von Paradiesen nie zur bequemen Weltflucht, bleiben immer vornehmlich Orte regenerativer Möglichkeiten und Neuanfänge…

Da trifft man auf die mannigfaltigsten Weisen der Reduktion: Blattgebilde, Samenkapseln, Boote und immer wieder differenziert ausgelotete Farbkonstellationen… die manche augenscheinlichen Inhalte zu transzendieren scheinen. -

Was Wunder, dass diese gehorteten Schätze erhalten, geschützt werden müssen. Der „Hortus“ bietet Schutz, muss allerdings auch selbst geschützt werden. So findet man auch den notwendigen Wächter. War er früher eher eine archaische, anonyme Kriegergestalt, eine Art von Tempelwächter morgenländischen Ursprungs, so sieht ihn diese Künstlerin jetzt als Weisen, mystisch Erhöhten…

Er wie bisweilen sacht angedeutete Mauern bewahren also die Garten-Archive. Sie erscheinen in quadratischen, neunteiligen Kompositionen, dokumentieren Menschen-, Haus- oder Schalenformen – gewissermaßen gebündelte, archivierte Erinnerungen, die im weitesten Sinne immer noch chiffriert bleiben. –

Wie „ausgelagert“ erscheinen in einzelnen Exponaten stark stilisierte Paare zwischen einem distanzierten Nebenein- einander und enger Verbundenheit. – Situationen, die die Bedeutung existentieller Kommunikation für den Menschen unaufdringlich, aber konsequent erhellen. –

„Man hat zurecht gesagt, dass unsere eigentliche Reise

dem Anderen, den Anderen gilt. Im Grunde ist die einzige Reise diejenige, die man in Bezug zum Anderen unternimmt, ob das nun ein Individuum oder eine Kultur ist.“ (Jean Baudrillard)

So wundert es nicht, wenn die schmalen, lang gestreckten, menschlichen Figuren wie sie zum Teil die „Reisezyklen“ von Brigitte Sommer bestimmten, wieder zurückkehren. -

Mit ihnen das Boot, das Segelschiff als weite, unauslotbare Metapher für das ständige Unterwegssein mit einer oft ungesicherter Navigation der Erinnerungen. Denn der „Hortus“ ist zwar ein Hafen, aber kein Ort ewigen Verweilens! -

 

Dr. Matthias Brück

 

 

Reisen in die Biografie - Reisen in die Geografie / Travels into Geography - Travels into Biography

Aufbruch-Passage-Ankunft

Gedanken zum Thema "Reisen"

Gründe warum man sich für das eine oder andere mehr interessiert gibt es sicher viele. Es gibt Erlebnisse, Sätze oder auch Begegnungen, die einen nicht mehr loslassen und die einen über einen langen Zeitraum begleiten, manchmal auch nur im Unterbewusstsein. Ein solcher Satz ist z.B.: "Es gibt keinen anderen Grund zu reisen, als die Reise selbst."
Erlebnisse einer ähnlichen Kategorie, war das lautlose Gleiten eines gezogenen Nachens über die Nahe während meines Stipendiums in Bad Münster am Stein. Diese Dinge miteinander in Verbindung gebracht, beschäftigen mich nun seit ca. 3 - 4 Jahren. Die Reise in die Biografie, ist die Ergänzung zum Reisen in die Geografie.

Das Labyrinth war für mich von Anfang an das Symbol für ein Reisen in die Biografie, das Labyrinth eine der ältesten Formen bzw. Figuren als Metapher des Lebensweges.
"Der Weg ist das Wesentliche".
Das Labyrinth bietet mir keine Wahlmöglichkeit, es gibt nur einen Weg zur Mitte und den gleichen Weg zurück. Lediglich unsere Sichtweise ist auf dem Rückweg eine andere. Im Labyrinth begegne ich nicht dem Minotaurus oder dem Teufel, sondern mir selber. Die Erfahrungen und Erlebnisse auf diesem Weg finden ihren Platz in meinen Reise - Schalen.
Reisen in die Geografie bedeutet für mich, in einem langsamen Wahrnehmungsprozess Situationen, Farben Gegenstände, Natur, Begegnungen, Gefühle aufzunehmen und sie ebenfalls in meinen Reise - Schalen abzulegen und dort aufzubewahren. Reise - Schalen sind Gefäße in denen ich Erlebnisse aus meiner Biografie und Geografie ablegen kann. Reisen ist umfassender als gedacht, sofern man sich vom üblichen Sonne, Strand, Meer Klischee entfernt.
"Es gibt keinen anderen Grund zu reisen als die Reise selbst".

Introduction:

Travels into Geography - Travels into Biography

embarking - passage - arrival

Notations to the theme “Travels”:

Why is it that what catches our interest, varies so greatly from one person to another? When traveling, one encounters things, events and adventures, which draw us into their orbit, and can hold onto our psyche for a long time.

During my scholarship in Bad Muenster am Stein, we would sometimes take a dinghy out onto the river Nahe. The silent gliding of the dinghy over the smooth river, connecting riverbanks and people like dots in a puzzle, spurred my artistic thoughts and creativity for years afterward.
“Travels into Biography” is the sequel to my “Travels into Geography”.
The Labyrinth has always been my symbol for Travels into Geography, using it as a metaphor
for the path of life.
“The path is the essence”.
Interestingly, this metaphor offers us little choice: only one path leads to the center, and one leads back outside. The only thing that changes on the path back out, is our perspective. The experiences and memories of my path through the metaphor of life find expression in my “Bowls of Travel”. If we can distance ourselves from the cliché of beach, sunshine and ocean, traveling is an important metaphor for life itself.
Brigitte Sommer